Konfessionelle Kleingartenvereine wollen das Essen regulieren

Kaum etwas hat in der Geschichte der christlichen Spiritualität die Lager so gespalten wie das Mahl der Einheit mit Gott und den anderen – das Abendmahl. Das Mahl der Einheit treibt Menschen auseinander. Vielleicht  ist es nicht das  Mahl selber, sondern es sind die,  die es wieder aufführen, inszenieren, sakralisieren und daraus ein Identitäts-Programm basteln möchten. Als wären Scham, Selbstverständnis und vielleicht sogar Lust oder Hunger an der gemeinsamen Tafel besonders herausgefordert:  Mit wem setze ich mich zu Tisch? Was wird mir hier gereicht? Wer serviert? Bin ich hier richtig? Wie werde ich es verdauen? Welche Tischregeln gelten? Was muss ich anziehen, glauben, mitbringen, draußen lassen? Ist irgendwas giftig? Wird man satt?

Kaum ein Ritual wird von den regulierenden Häuptlingen so  argwöhnisch überwacht wie das Abendmahl. Bis ins Detail wollten und wollen sie bestimmen, was wie gemeint ist und wie es gegessen wird. Auch wer einladen und es anbieten darf. Ein Identitätskult mit Speise-Rezepten. In Predigten schwadronieren darf man über alles. Aber Essen und Trinken gehen ins Gedärm. Zusammen essen rückt einem näher als die Rede. Das will man gern komplett kontrollieren. Weil sich das gekaute Wort da wirklich umsetzt, während es beim Hören eher abläuft. Auch wer neben mir sitzen darf, muss durch Zugangsbestimmungen und Ergebenheitsadressen erkauft werden.

Ja, es geht hier um ein eigenartiges Geheimnis. Man isst nicht irgendwas, man denkt an eine bestimmte Szene, memoriert Abschied, eine Gemeinschaft,  die den Tod  überlebt,  eine Wiederkehr nach Tagen. Wer jemals jemanden ‚zum Fressen gern‘ hatte,  kann ahnen, welchen Anklang das Ganze auch hat. Gott essen?  Warum nicht? Was wir essen, das werden wir.

Die Menschheit ernährt sich an allen Tafeln dieser Welt vom Brot  und nicht nur vom Brot. Immer isst man die Glut der Sonne im Korn mit, atmet die Stimmen der anderen, hört die Lieder und spürt die Wärme der Körper. Als  werde man durch die Gesichter und Speisen gewandelt zu einem Menschen mit guten Absichten –  aus der Mitte gespeist, die nicht okkupierbar ist,  weil sie allen gehört. Was wir teilen macht uns reich, weil uns auf Erden eh nichts gehört. Das feiert man auf Bali und am Nordkap. Wäre es denkbar, sich auf solche oder ähnliche anthropologischen Konstanten zu verstehen, damit irgendwie mehr Konspiration zwischen den Identitäts-Blasen entstünde?

Was also reitet die rechtschaffenen Konfessionshüter, Menschen davon abzuhalten sich an einen Tisch zu setzen in der Gegenwart Jesu? Wie viel Leid, sogar Krieg ist durch theologischen Stacheldraht entstanden? Wie viel ziselierter Unfug wurde erdacht, um ein Brot und eine ingroup von der anderen peinlich zu unterscheiden? Wie viel Angst diktiert den Gebrauch einer simplen Geste: „Nehmt und esst – das bin ich.“ Sagt das nicht jede und jeder, der einlädt und sich und seine Lebens-Mittel verschwendet für alle Gäste? Ein einziges JA genügt, und man würde froh. Ja, ich nehme, esse, trinke (dich) und es ist gut.

Was reitet all die Klugen, die Verstehen und Bekenntnis dem Essen voraussetzen, evangelisches Bekenntnis, katholisches Bekenntnis, reformiertes Bekenntnis, uniertes, freikichliches oder altlutherisches Bekenntnis, württembergisches, pietistisches und altkatholisches Bekenntnis. Überall respektable Kleingartenvereine mit eigener Brot-und-Wein-Züchtung, mit Abkömmlingen und einer Menge Inzucht. 

Was reitet manche evangelischen Christen,  die mehr als zwei Jahrhunderte lang gar kein regelmäßiges Abendmahl haben wollten und nur Wörter kauten? Seit 40 Jahren steht es gerade mal wieder auf dem protestantischen Speiseplan. Was die wirklich gelebte Praxis im Abendmahl angeht sind wir Protestanten noch Kinderkirchen-Teilnehmer. Es gibt in unseren Reihen gar keine breite vitale Abendmahls-Tradition. Es gibt allerlei Lehren, aber wenig saftige Praxis. Generationen lang kamen wir mit Wörtern aus. Wenns nun real wird mit dem Essen, dh mit allen möglichen Varianten des einen Mahls, dann zuckt der theologisch halbgebildete spröde Körper. Weil die Lehre vom Abendmahl keine Praxis-Erfahrung enthält. Weil die Praxis die Lehre nicht beeinflussen darf. Weil es die Fiktion jenseitiger Wahrheit braucht, um sich zu sichern vor Erfahrung. Das ist mutlos. Wie ein Kind, das das Wasser fürchtet, weil es nie drin war. Auf einmal möchten diese Abendmahls-Praxis-Neulinge regulieren, ob man auch vor dem Zoom-Bildschirm mit anderen das Mahl feiern darf.  Wo Menschen die Wärme der Körper fast leiblich noch spüren, die sie aus anderen Zeiten kennen. Wo Gesänge und Gebete virtuell die ehemals analoge Gemeinschaft retten – so wie im Exil einst ein ganzes Volk ohne Tempel und Kirchensteuer mit erinnerten Gesten überlebte. 

Natürlich muss man über virtuelle und analoge Realität reden. Nur das betrifft im Moment die ganze Kirche, also den Leib Christi und seine reale Präsenz unter den aktuellen Umständen. Da stehen ungeheure Umbauten an um wirklichkeitsfähig zu werden, statt nur steife Lehren zu behaupten. Schauen wir nur unsere eigene Tradition an: unser gesamter Glaube ist unbeweisbar und virtuell,  90 % der Bibel-Stoffe sind virtuell, geschichtlich irrelevant, unser Gott ist nicht zu sehen. Wir hantieren seit Urzeiten mit Zuständen und Resonanzen. Fast nichts, was wir heilig halten ist faktisch. Und doch wirkt es. Da kann man doch froh sein über jeden spirituellen Menschen, der Gott im Garten, am Nordpol, vor dem Rechner auffindet und feiert im Wein, im Gras, in den Händen und auf den Lippen. Die Kirche im Land ist kurz davor, gesellschaftlich ihren Platz an der Stirnseite der Tafel abzugeben. Sie wird froh sein, wenn sie künftig eingereiht mitessen darf und ein gutes Brot in die Mitte legen kann aus ihren Beständen. Wer sich steif macht, den schubst das Leben vom Tisch.

Was reitet also kirchliche Menschen, wenn sie bestehen auf Identitäts-Schwüren und Realitäts-Fiktionen vor dem Essen? Ich glaube, es ist nach wie vor Angst. Blanke Angst so zu werden wie Jesus, dem es egal war, wer mit am Tisch sitzt, in welcher Seins-Form und Haltung auch immer. Angst davor großmütig zu sein. Angst davor zu verlieren, was man so sicher glaubte. Es bräuchte seine innere Größe, um diese Diffusität am Tisch auszuhalten. Aber wer hätte die schon? Und wo Großmut fehlt, regiert immer Angst. Angst so menschlich zu werden wie alle Menschen. So unscheinbar einzugehen in die Menschheit wie unser Gott. Nichts Besonderes mehr zu sein, nicht ausreichend anders. Keine Enklaven und Tempel, keine subventionierten Sonderwelten mehr. Neue Armut, Anfänge zusammen mit Jüngerinnen und Gurkentruppen. Die Angst davor murmelt: lieber identitär in leeren Häusern am Tisch sitzen als mit allerlei unklaren Hungrigen – wo immer es geht – solange zu essen und zu lachen, bis Gott kommt.

Kaum etwas hat in der Geschichte der christlichen Spiritualität die Lager so gespalten wie das Mahl der Einheit mit Gott und den anderen.
Dämmert es?
Könnte die Stunde gekommen sein, wo die Krusten aus Rechthaberei, Sonderstatus und Wohlstand abplatzen? Wo Kraft und Zeit für Scheingefechte abhanden kommen. Wo sie alle um  den Tisch sitzen, die Toten hochleben lassen, danken, dass man geboren ist und noch lebt, wenigstens diesen Abend. Und es raunen lassen: Nehmt, esst – ich bin da  und ihr sollt leben. Wie es nie war und wie es nie sein wird – so soll es sein!

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